Hebammen befürchten Aus des Belegsystems

Krankenkassen wollen Bezahlung ändern – Verbände und Betroffene warnen vor Kollaps der Geburtshilfe

Karin Mittermeier-Ruppert ist freiberufliche Beleghebamme am Klinikum St. Elisabeth in Straubing. Seit 7 Uhr morgens ist sie heute im Dienst. Trotzdem wirkt sie gegen Mittag noch aufgeweckt und frisch. Sie hält die Stellung auf der Station, begrüßt schwangere Frauen zu ihrem Termin, bespricht sich mit Kolleginnen, geht Patientenakten durch und führt nebenbei noch Telefonate. All das geschieht irgendwie parallel, in einer routinierten und bestimmten Art. Und trotzdem freundlich und angenehm.

Karin Mittermeier-Ruppert misst bei einer Hochschwangeren die Herztöne des Kindes.

Karin Mittermeier-Ruppert misst bei einer Hochschwangeren die Herztöne des Kindes.            © Laura Schindler

Was beim ersten Hinsehen nicht auffällt: Mittermeier-Ruppert sorgt sich um die Zukunft ihres Berufs. Die Pläne des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV), die Vergütung von Beleghebammen grundlegend zu ändern, bereiten ihr Kopfschmerzen. Demnach wollen die Krankenkassen durchsetzen, dass Beleghebammen im Schichtdienst nur noch zwei Frauen gleichzeitig betreuen dürfen. Alle darüber hinaus erbrachten Leistungen würden den Hebammen dann nicht mehr von den Krankenkassen erstattet. „Im Idealfall kümmert sich jede Hebamme nur um eine Gebärende, doch jeder weiß, dass sich Geburtstermine nicht planen lassen und Kinder manchmal gleichzeitig auf die Welt kommen wollen. Diese Beschränkung ist also völlig unrealistisch“, so Mittermeier-Ruppert.

Nur noch zwei Frauen gleichzeitig betreuen

Eine kurze telefonische Beratung, eine Hilfeleistung bei Beschwerden sowie jede andere Tätigkeit bei weiteren Schwangeren wären mit den gesetzlichen Krankenkassen im selben Zeitraum nicht mehr abrechenbar. „Die Krankenkassen würden die Vergütung der erbrachten Leistung entweder auf Kosten der Hebammen, der Kliniken oder der Versicherten (als Selbstzahlerin) einsparen“, schreibt der Deutsche Hebammenverband (DHV) in seinem Argumentarium gegen die geplanten Forderungen.

„Allein heute morgen habe ich innerhalb von drei Stunden zehn Frauen mit unterschiedlichen Anliegen behandelt. Im Falle einer 1:2-Betreuung hätte ich acht von ihnen wieder heimschicken und abweisen müssen, weil ich nicht mehr als zwei Schwangere gleichzeitig behandeln dürfte“, sagt Karin Mittermeier-Ruppert. Für ein telefonisches Beratungsgespräch könne sie sieben Euro abrechnen, bei etwa 15 Anrufen pro Stunde sei dies viel Geld, das ihr verloren ginge. Und Geld, das die Hebammen dringend brauchen. „Das lange Zeit an sich bewährte System ist in den vergangenen Jahren für Beleghebammen zunehmend unwirtschaftlich geworden. Dies liegt an der geringen Grundvergütung und den überproportional stark angestiegenen beruflichen Kosten“, so der DHV. Die Hebammenverbände forderten deshalb eine Erhöhung der Vergütung in den Verhandlungen mit den gesetzlichen Krankenkassen. Da man sich dort aber nicht einigen konnte, muss nun voraussichtlich im Mai eine anberufene Schiedsstelle über die Forderungen beider Seiten entscheiden.

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Viele Hebammen befürchten, dass sich die Versorgung schwangerer Frauen durch die neuen Forderungen des GKV-Spitzenverbands verschlechtern wird.

Der GKV-Spitzenverband kann sich die Aufregung der Hebammen nicht erklären. Im Gegenteil: „Wir wollen die Arbeit der Beleghebammen künftig sogar besser bezahlen“, betont die stellvertretende Pressesprecherin Ann Marini. Für jene freiberuflichen Hebammen, die Geburten in Kliniken betreuen, will er die Vergütung um bis zu 30 Prozent erhöhen. „Wie der Deutsche Hebammenverband dieses Angebot als massiven finanziellen Einschnitt auslegen kann, ist nicht nachzuvollziehen“, so Marini.

Spitzenverband will Qualität verbessern

Bisher erhalte eine Beleghebamme für die Beleggeburt (bis zu acht Stunden) im Schichtdienst tagsüber 271,94 Euro. Künftig soll sie für eine Geburt, die bis zu sechs Stunden dauere, 331 Euro bekommen. Sofern ein Schichtwechsel notwendig werde, könne jede Hebamme zukünftig die Zeit in Rechnung stellen, in der sie die Frau während der Geburt betreut hat. Mit seiner Forderung der 1:2-Regelung wolle der Spitzenverband die Qualität steigern und erreichen, dass die Schwangere und das Neugeborene besser betreut werden. Marini: „Bislang hatten dies auch die Hebammenverbände selbst gefordert. Jetzt scheinen sie davon abzurücken und verweisen sogar auf eine vermeintliche Gefahr für die Versorgung.“ Die Pressesprecherin argumentierte, dass die 1:2-Betreuung nur auf die Akutphase (eine Stunde vor und drei Stunden nach der Geburt) zutreffe. Angesprochen auf einen möglichen Notfall, in dem mehr als zwei Schwangere behandelt werden müssten, verwies Marini auf das zuständige Krankenhaus, das hier einspringen müsse.

Karin Mittermeier-Ruppert ist erschöpft und bald am Ende ihrer Kräfte: „Ich bin müde, es macht mich mürbe. Ständig werden uns Hebammen weitere Steine in den Weg gelegt, wir wollen doch einfach nur unsere Arbeit machen!“ In den letzten Tagen und Nächten hat die Mutter von zwei Kindern viele Briefe geschrieben, unter anderem an den Landtag und an einen Bundestagsabgeordneten, um möglichst viele Menschen zu mobilisieren und auf das Thema aufmerksam zu machen. Freiberufliche Beleghebammen hätten es angesichts der immer weiter steigenden Prämien für die Haftpflichtversicherung ohnehin schon schwer genug. Mittermeier-Ruppert versteht, wenn einige von ihnen bereits resigniert haben und ihren Beruf niederlegen möchten. „Es wird Zeit, dass endlich Ruhe einkehrt.“

Auch eine Beleghebamme aus Landshut, die nicht namentlich genannt werden möchte, wäre von den Forderungen betroffen. „Wenn die Pläne so umgesetzt werden, werde ich definitiv meinen Beruf niederlegen“, sagt sie. „Setzt der GKV-Spitzenverband seine Forderungen durch, müssen weitere geburtshilfliche Abteilungen vermutlich schließen. Noch mehr Hebammen werden ihren Beruf niederlegen. Die Leidtragenden sind Familien, denn sie werden alleine gelassen. Bayernweit würde das gravierende Einschnitte bei der Geburtshilfe bedeuten“, schreibt sie in einem Brief an die Presse.

Hebammen warnen vor Kollaps der Geburtshilfe

„Es macht den Anschein, dass der Spitzenverband eine schlechtere, sparsamere, teurere und unflexiblere Versorgung für Frauen durchsetzen will. Das bewährte System der freiberuflichen Beleghebammen würde durch diese Regelungen abgeschafft“, schreiben Sarah Pfundheller und Simone Adlhoch von der Klinik St. Hedwig in Regensburg im Namen der Oberpfälzer und niederbayerischen Beleghebammen. Alternativen wie eine Festanstellung der Hebammen seien für viele kleinere Kliniken aufgrund ihrer finanziellen Situation nicht realistisch. Die Hebammen befürchten, dass diese Kreißsäle geschlossen werden: „Die Folge wäre eine weitere Zentralisierung der Geburtshilfe, immens lange Anfahrtszeiten und eine damit verbundene schlechtere Versorgung der Frauen und Babys.“

Am Dienstag veranstaltet der Bayerische Hebammen-Landesverband ein Treffen für seine Mitglieder in München, um über die aktuelle Situation zu informieren. Am Samstag, 8. April, informieren Hebammen aus verschiedenen Kliniken von 10 bis 18 Uhr an einem Stand auf dem Neupfarrplatz in Regensburg die Bevölkerung.


 Kommentar

Vermessene Forderung

Kaum ein Kind kommt ohne Hebamme auf die Welt. Die Hebamme ist der erste Mensch, der das Neugeborene in seinen Händen hält, quasi Bindeglied zwischen dem Baby und seinen Eltern. In der Zeit vor und nach der Schwangerschaft ist die Hebamme ein wichtiger Begleiter der Frau, beantwortet Fragen, ist zur Stelle bei Beschwerden, klärt auf bei Sorgen und schenkt Vertrauen. Es ist nicht auszudenken, was wir ohne Hebammen machen würden.

Mit den neuen Forderungen der Krankenkassen wird den Beleghebammen nur ein weiterer Stein in den Weg gelegt, was – falls die Pläne umgesetzt werden – dafür sorgen wird, dass noch mehr Hebammen ihren Beruf niederlegen. Eine 1:2-Betreuung mit der jetzigen Kapazität an Hebammen ist nicht nur unrealistisch, sondern auch impraktikabel im Alltag.

Geburten und Notfälle sind nicht planbar, deshalb ist es vermessen zu fordern, dass sich eine Hebamme nur um zwei Schwangere gleichzeitig kümmern darf. Die dritte, vierte oder fünfte bezahlt dann entweder aus eigener Tasche, wartet – falls vorhanden – lange auf eine Rufbereitschaft oder muss gleich in ein anderes, weit entferntes Krankenhaus fahren. Leidtragender ist am Ende nicht nur die Hebamme, die weniger verdient, sondern auch die schwangere Frau. Um eine qualitativ bessere Betreuung der Schwangeren zu garantieren, müssten zuallererst bessere Rahmenbedingungen für die Beleghebammen geschaffen werden.

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Über laurajuhu

21 Jahre, Volontärin (Moosburger Zeitung).

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